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Deutschland 2010 – Vierter Austausch des German-Cypriot Youth Exchange Programme vom 16.07.–28.07.2010

„Zypern? Das ist doch diese griechische Insel wo man so schön Urlaub machen kann.“ So oder so ähnlich klingen die meisten Aussagen, fragt man jemanden auf der Straße nach Zypern. Und auch ich als Studentin der Sozialwissenschaften und selbsternannte weit gereiste Kosmopolitin muss zugeben, dass mir bis zur Teilnahme am Zypern-Arbeitskreis der Falken nicht bewusst gewesen ist, dass es fast zwanzig Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung immer noch Länder in unserem ach so vereinten Europa gibt, die in sich geteilt sind. Dankenswerterweise hat es sich der Bezirksverband Hannover der SJD - Die Falken in Zusammenarbeit mit IKME (zyperngriechische Stiftung) und BILBAN (zyperntürkische Stiftung) auf die Fahnen geschrieben, gegen diese Unwissenheit anzugehen und für Aufklärung zu sorgen.

Doch wie kam es überhaupt zu einer Teilung? Nachdem die ehemalige britische Kolonie 1960 seine Unabhängigkeit erklärte und Zyperntürken- und griechen miteinander lebten und regierten kippte das friedliche Zusammenleben beider Seiten 1963. Die türkischen-zyprioten forcierten eine Teilung des Landes, nachdem eine neue Verfassung das Vetorecht der Zyperntürken verhindern sollte. 1974 wurde der nördliche Teil Zyperns von türkischen Militär eingenommen und 1975 als „türkischer Förderationsstaat Zyperns“ erklärt- bis heute wurde diese Republik international nicht anerkannt. Versuche eine Wiedervereinigung der Insel zu erreichen scheiterten 2004 am Veto der Zyperngriechen. Bis heute sorgen 1200 UN-Soldaten auf Zypern für Frieden.

Entsprechend neugierig erwarteten wir unsere Gäste aus dem griechischzyprischen Süden und dem türkischzyprischen Norden Zyperns in unserer Hauptstadt, die zufälligerweise nicht nur Symbol der Teilung, sondern auch der Wiedervereinigung Deutschlands ist. Welche Bedeutung könnte diese Stadt demnach eines Tages für unsere Gäste besitzen? Wir waren gespannt.

Nach anfänglichem Beschnuppern wurde das Eis zwischen den „Deutschen“, „Nord-“ und „SüdzyprerInnen“ schneller gebrochen als erwartet. Da eine gute Freundschaft sich auch durch Ehrlichkeit und Kritikfähigkeit auszeichnet, kam es durchaus zu kontroversen Diskussionen während der vielfältigen Workshops, wie beispielsweise beim Thema Vorurteile. Trotz der Fülle und Komplexität einiger Themen flammte keine Langeweile bei den TeilnehmerInnen auf und auch die schüchternen Fraktionen fanden einen Rahmen sich zu Wort zu melden. Gewährleistet wurde dies durch Anwendung interaktiver Methoden, wie die Aufführung von Theaterstücken oder eine inszenierte TV-Diskussionsrunde zum Bolognaprozess. Denn auch, wenn der Zypernkonflikt im Zentrum dieses Austausches stand, war sich die deutschen Teilnehmer durchaus bewusst, dass auch in unserer Gesellschaft viele Probleme existieren, die auch vor unseren Gästen unumwunden angesprochen werden mussten.

Neben den vielen Seminaren gehörten Exkursionen: wie die Besichtigung des Reichstagsgebäude und andere politisch-historische Stadtführungen durch Berlin zu unserem Programm. Zusätzlich bereichert wurde unser Austausch durch die Besichtigung der Gedenkstätte Bergen Belsen. Diese machten wir gemeinsam mit einer muslimischen und christlichen Studierendengruppe aus Bosnien-Herzegowina (Mostar).

Nach den Gruppenarbeiten zur politischen Lage auf Zypern und zu künftigen Lösungschancen für den Konflikt wurden im Plenum wichtige Aspekte für eine bizonale und bikommunale Föderation ausgiebig diskutiert. In den nächsten Wochen soll daraus schließlich eine gemeinsam verfasste politische Erklärung (für alle Anglophilen = Declaration) entstehen, welche die politische Meinung und Forderungen der Projektteilnehmenden repräsentiert. Ob und wann es in Zypern tatsächlich zu einem förderalistischen System kommen wird, steht dabei außer Frage in den Sternen. Doch wenn die Begegnung zwischen Zyperntürken und -griechen auf neutralen Boden dazu geführt hat, dass beide Seiten statt übereinander- miteinander anfangen zu reden haben wir unseren Beitrag zur Annäherung beider Teile geleistet.

Erst 2011 bei unserem Gegenbesuch in Zypern wird sich zeigen ob diese Gespräche und Diskussionen für die Teilnehmer nur ein Strohfeuer waren oder eine Initialzündung zum Umdenken. Wobei wir auf letzteren Effekt hoffen.

Maria Eggers, September 2010.

informationen/kontraste_2010-10_zypern-austausch.txt · Zuletzt geändert: 2010/10/04 14:29 von hedwig