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Bericht mit Fotodokumentation über die Bauplatzbesetzung in Wietze

Noch in diesem Jahr 2010 soll in Wietze (nahe Celle) ein riesiger Hühnerschlachthof gebaut werden. Hinzu kommen mehr als 420 Massentierhaltungsanlagen. Das Feld, auf dem der Schlachthof gebaut werden soll, wurde am 24 Mai 2010 von AktivistInnen besetzt. Ziel war die Verhinderung des Baus des Schlachthofes durch Protest, Aktionen und das Bilden einer Informations- und Diskussionsplattform für BesucherInnen in Form des besetzten Feldes. [1] Die BesetzerInnen, die selbst „TierrechtlerInnen“ genannt werden möchten begründeten dies u.a. mit ökologischen Argumenten (Klima), „Tiere sind keine Waren“, den Negativauswirkungen vor Ort (Gestank, Feinstaub).

Die Besetzung wurde am 10. August 2010 von der Polizei geräumt. [8,9,10]

Nachdem ich die BesetzerInnen zwei mal für einige Tage besucht habe, möchte ich die Besonderheiten dieser Besetzung herauszustellen, gegenüber anderen, sich selbst organisierenden, Gruppen. Dies soll kein Bericht über die Besetzung sein (Informationen darüber finden sich bei anderen Quellen [Links]), sondern darstellen, wie die BesetzerInnen protestiert und gelebt haben. Er soll nicht anwesenden einen Einblick in die Einstellung der BesetzerInnen geben . Ich möchte hier eher die Bilder sprechen lassen, deshalb soll dies eher eine Erklärung (in Tagebuchform) zu den Bildern sein. [14,15]

Schaut euch bitte dazu die Galerien an.

Der große Teil der BesetzerInnen lebte im Zentrum des Camps in den Hütten und Tripods. Einige übernachteten ab und zu zur Abwechslung bei Anwohnern in Wietze. BesucherInnen konnten es sich entweder in den großen Gruppenzelten gemütlich machen, ihr eigenes Zelt aufstellen oder (ich hatte das Glück), wenn noch Platz vorhanden, in den Hütten übernachten. Nachdem ich einen der BesetzerInnen darauf angesprochen habe, wieso einige Zelte außerhalb des Camps stehen, sagte er mit, dass einige Personen lieber etwas einsamer wohnen.

Neben dem alltäglichen Leben (zusammen oder nicht) konzentrierten sich die BesetzerInnen auf das Planen und durchführen von Workshops (Skillsharingcamp) [16], Aktionen in Wietze (Ufos auf dem Feld gesichtet) [3], und dem erreichen der Öffentlichkeit. So wurden Presseberichte geschrieben, Interviews für Rundfunk und Presse gegeben und eigene Flyer und Transparente entworfen und verteilt.

Die Zahl der BewohnerInnen des Camps schwanke. Zu den Workshops und Aktionswochen waren viele neue AktivistInnen angereist. Von den BesetzerInnen hörte ich, dass die Leute zwar schnell wieder gehen, dafür aber wieder neue kommen. Trotz einiger Streitereien im Laufe der Monate hat sich die Gruppe nicht zersetzt. Die streitenden Parteien gingen auf etwas Distanz zu einander und gingen ihrem üblichen Tagesablauf nach. Nach einige Zeit akzeptierten sich die Streitenden wieder.

Organisation Eine Besetzerin erklärte mir bei einer Führung durch das Camp: „Hat eine Person eine Idee, so teilt sie diese den anderen Personen Abends am Lagerfeuer mit. Das Plenum brauchen wir nur, wenn Dinge anstehen die wirklich jeder mitbekommen soll.“ Sobald es dunkel wurde, stapelten die BesetzerInnen in der Mitte des BesetzerInnendorfes Holz und machten ein Lagerfeuer. Oder sie zündeten eine Mülltonne und versammelten sich um sie. Bei Essen und Getränken gab es dann Gespräche untereinander. Der vergangene Tag, Pläne für die kommenden Tage oder auch private Themen wurden in kleinen Gruppen besprochen.
Es gab keine Arbeitsgruppen während der Besetzung. Auch gab es keine „Zuständigkeitspersonen“. Hat jemand eine Idee, so teilt er sie den anderen mit und führt sie aus wenn andere Personen mitmachen. Die Besetzer organisieren sich mit To-Do-Listen.

Bei meiner Ankunft im Camp und nachdem ich herumgeführt wurde, hat mich eine Besetzerin auch in die To-Do-Listen eingeführt. Falls es Aufgaben gab konnte jeder Besucher, ohne sich vorher mit jemanden absprechen zu müssen, diese erledigen. Ich habe dann gleich einfach mit dem Abspülen, Fahrräder reparieren, Einkaufen begonnen. Als „Neuer“ konnte ich mich so ganz bequem einleben.

Schlaf und Nachtwache Um vor herannahender Gefahr zu warnen, wurde eine Nachtwache eingerichtet. Wenn nötig konnte die Nachtwache einige Schlafende einzeln aufwecken oder Alarm schlagen um jeden aufzuwecken.
Nachtwache musste nie jemand alleine machen. Das Lagerfeuer wurde bis zum Morgengrauen durchgebrannt und wir saßen als ganze Gruppe zusammen. Ich hatte mich auch für eine mehrstündige Schicht eingetragen, was dadurch sehr angenehm war.

Bauen von Hütten Ein Besetzer teilte uns Abends beim Lagerfeuer eine seiner Ideen mit. Er wollte einen Unterstand bauen. Zusammen mit einigen weiteren Interessierten machte er sich am nächsten Tag an die Arbeit. Er selbst war jedoch die einzige Person, die (mit Pausen) vom Anfang bis Ende dabei war. Einige Personen halfen am Anfang, andere am Ende.

Für den Bau einer Hütte brauchten wir zunächst Holz. Aus Achtung vor der Natur wurden nur tote Bäume gefällt. „Lebende Bäume sollen die Möglichkeit haben größer zu werden und morsche Bäume bieten einen Lebensraum für Pflanzen, Pilze, Insekten und andere Tiere“. Deshalb werden diese auch nicht zum Bau oder als Feuerholz verwendet.

Kochen und Ernährung Eine Besetzerin meinte zu mir: „Das einzige wovon ich einen Klacks kriege, sind die Wespen“. Tatsächlich war der Küchenbereich voller Wespen. Die Besetzer zunächst voller Wespenstiche. Als Lösung wurden angebrochene Lebensmittel in Dosen und Gläser verschlossen, um keine Wespen anzulocken. Es half.

Es wurde täglich gemeinsam vegan gekocht. Jeden Tag kocht jemand anders für das ganze Camp. Neben einfachen Gerichten wie Pizzabrot oder Brot gab es aber auch Kuchen für BesucherInnen am Sonntag oder Suppen und Kompott. Den Rest des Tages über bekochte sich jeder selbst. Mit Kaffee, Brot, etc. Schon am Anfang der Besetzung gab es eine Feuerstelle zum Kochen und ein Ofen wurde gebaut von Personen auf der Durchreise. In der Essenshütte wurde ein tiefes Loch, der „Kühlschrank“, mit seitlichem Tunnel gegraben um Lebensmittel auch bei hohen Außentemperaturen kühl zu halten.

Nahrungsversorgung durch „Containern“: In der Nähe des BesetzerInnendorfes gab es viele Discounter, wie z.B. Rewe, Aldi, Netto, etc. Dies sind gute Möglichkeiten um an relativ frische Lebensmittel zu kommen.

durch „Markten“: Essen wurde auch von Märkten erschnorrt. Es gab dafür eigene Liste wo die BesetzerInnen sich mit Namen, Zeit und dem jeweiligen Markt eingetragen haben. Zu den Zeiten sind sie losgefahren (meist getrampt) und haben Lebensmittel besorgt. „Viele Händler schenken uns ganze Kisten mit Lebensmitteln“ hieß es dann.

durch Unterstützer: Es wurden oft Pakete von Privatpersonen oder Organisationen am Kreisel abgeliefert. Die Besetzer stürzten sich sogleich auf den Paketinhalt. Meistens enthielten sie schwer erhältliche Lebensmittel wie Saitanpulver, veganen Aufstrich, vegane Süßigkeiten.

Bewohner kamen vorbei und spendeten Geld oder brachten Essen vorbei. Außerdem übernehmen sie Fahrten von Personen zwischen Celle und Wietze.

Hygiene Abwasch: Zum Abwasch wurde ein Spültisch in der Mitte des Dorfs eingerichtet. Um Wasser zu sparen und die Umwelt nicht zu belasten wurde ein drei-Phasen-System gewählt. Der Aufbau wie folgt: 3 Kisten mit je eine Phase (1. Vorspülen ohne Spülmittel, 2. Spülen mit Spülmittel, 3. Abspülen mit klarem Wasser).

Brunnen: Es wurde ein ca. 2 Meter tiefes Loch gegraben und ein bodenloses Fass darin versenkt. Das Grundwasser steht in diesem Gebiet sehr hoch, deshalb kann direkt Grundwasser abgeschöpft werden. Zur Zeit meines Besuchs war der Brunnen 2 Tage alt. Mir wurde erzählt nach einigen Tagen wären die Trübstoffe abgesunken und das Wasser könne zum Waschen benutzt werden. Tatsächlich war das Wasser bei meinem nächsten Besuch eine Woche später vergleichbar klar wie in einem sauberen See.

Kompost- und Klärgrube: Sie wurde entfernt vom Brunnen und der Küche gegraben. In die Kompostgrube wurden Essensreste andere Pflanzliche Produkte eingefüllt. Trotz der vielen Wespen konnte ich mich dort bedenkenlos aufhalten und Biomüll einfüllen. Es gab mehrere Gruben. Nachdem eine Grube voll war wurde sie mit Erde überdeckt.

In die Klärgrube wurde Waschwasser eingefüllt und dann mit Erde überdeckt. Um unnötige Verschmutzung zu vermeiden wurde darauf geachtet nicht viel und möglichst biologisch abbaubares Spülmittel zu benutzen.

Außerdem gab es einige Kompostklos, eine Waschecke mit Spiegel, Wasser und Zahnbürsten.

Wäsche: Im BesetzerInnendorf gab es keinen festen Ort, wo Wäsche gewaschen wurde. Die Besetzer haben Wäsche zum Waschen gesammelt und dann an Anwohner weitergegeben.

Krankheit: Zur Zeit meines ersten Besuchs litten einige Bewohner an Erbrechen und Durchfall. Ursache: unklar. Zusammen mit einer Besetzerin war ich Zwieback und Cola einkaufen. Sie erzählte mir, sie bringe sich selbst Heilkunde bei um so anderen Menschen zu helfen. Mir wurde gesagt Zwieback sei leicht verträglich auf den Magen und Cola würde die Genesung unterstützen. Bei unserem Einkauf in Discountern in der nähe der Besetzung betonte sie mehrmals, wie ungern sie dort einkaufe und damit diese Unternehmen unterstütze.

Wie wirkten eigentlich die Besetzer auf die Bewohner? Bei meiner ersten Ankunft in der Nähe der Besetzung kam ich gleich in Kontakt mit einigen Anwohnern. Ein junger Mann schien mich gleich für einen der Besetzer zu halten und streckte mir den Mittelfinger entgegen als er in seinem Auto die Straße lang fuhr und beschleunigte.

Eine Besetzerin erzählte mir, dass die Jugendlichen manchmal Landser aus ihren Autos schallen lassen und Sätze schreien wie: ‚Wir bringen euch um‘. „Wirklich passiert ist aber noch nichts. Einmal wurde eine Flasche auf eines unserer Zelte geworfen“. Solche und ähnliche Aktionen habe ich jedoch nur bei den jüngeren Anwohnern beobachtet.

Die Besetzung ist vielen WietzerInnen gar nicht aufgefallen. Zumindest nicht deren Hintergrund. Erst bei späteren Aktionen wurden die Besetzer darauf angesprochen, was sie eigentlich machen. Eine typische Reaktion auf die BesetzerInnen kam z.B. vom Kioskverkäufer „Du nimmst doch bestimmt Pueblo und Longpapes.“
Viele Besetzer waren gegenüber den Besetzern jedoch alles andere als negativ eingestellt. So versammelten sich am Tag der Räumung viele Anwohner vor der Absperrung der Polizei neben den Transparenten der Protestierenden.

Initiativen: Es gab 2 Initiativen zur den geplanten Schlachtanlagen in Wietze. Davon eine gegen den Bau des Schlachthofs. „BI-Wietze, die mit etwa 900 Mitgliedern größte in Deutschland“ - Einer der Besetzer. Dann gibt es eine Initiative pro Schlachthof mit 150 Mitgliedern. „Eigentlich nur eine Gegenbewegung gegen die ‚BI-Wietze‘, aber auch nicht wirklich aktiv.“ so eine Dame von der BI-Wietze.

Links:

Besetzung allgemein:
[1] http://antiindustryfarm.blogsport.de/
[2] http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trbe0002.html
[3] http://www.taz.de/1/nord/artikel/1/oeko-ufos-im-gerstenfeld/
[4] http://de.indymedia.org/2010/05/282062.shtml
[5] http://de.indymedia.org/2010/06/284548.shtml
[6] http://celleheute.de/tag/wietze/

ZDF Doku über „Die Machenschaften der Mäster“:
[7] http://frontal21.zdf.de/ZDFde/inhalt/7/0,1872,8093415,00.html

Räumung:
[8] http://www.taz.de/1/zukunft/umwelt/artikel/1/polizei-gegen-huehner-armee-fraktion/
[9] http://www.taz.de/1/zukunft/umwelt/artikel/1/polizei-raeumt-besetztes-baugelaende/
[10] http://de.indymedia.org/2010/08/287507.shtml

Video zur Räumung:
[11] http://www.youtube.com/watch?v=cN_QbjcTnRs&feature=related

Allgemeine Infos: Besetzung von Schlachthöfen
[12] http://de.indymedia.org/2010/05/282062.shtml

Bürgerinitiative gegen den Schlachthof:
[13] http://www.bi-wietze.de/

Fotogalerie zur Besetzung:
[14] http://www.abload.de/gallery.php?key=jZdGS4aM
[15] http://antiindustryfarm.blogsport.de/fotos/

Bericht über den Skillsharingworkshop
[16] http://klimaschutzvonunten.blogsport.eu/2010/07/12/bericht-uber-skill-sharing-camp-auf-der-besetzung-in-wietze/

Für die Vielfalt:
http://www.google.de

informationen/kontraste_2010-10_wietze.txt · Zuletzt geändert: 2010/10/04 15:13 von hedwig