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Gehörlose im Parlament

Sie sind jung, motiviert, wollen sich politisch engagieren …
… und sind gehörlos.

Wer meint, dass politische Beteiligung für Gehörlose eine nahezu unüberwindbare Festung ist, räumt nicht nur ein, dass Gehörlose noch lange nicht als ebenbürtige MitbürgerInnen gleichberechtigt sind, sondern macht sich unbewusst auch der Diskriminierung einer sprachlichen und kulturellen Minderheit schuldig.

Eine eigene Sprache …

Allein die Tatsache, dass die Deutsche Gebärdensprache (DGS) erst seit 2002 den Status einer rechtlich anerkannten Sprache besitzt und Gehörlose faktisch erst seit diesem Zeitpunkt ein Recht auf DolmetscherInnen – beispielsweise vor Gericht – haben, lässt erahnen, wie schleppend und mühsam der Prozess der Anerkennung dieser Sprache voran kam. Zunächst bedurfte es des sprachwissenschaftlichen Belegs, dass es sich bei der DGS tatsächlich um ein eigenständiges Sprachsystem mit spezifischem Vokabular und eigener Grammatik in Form einer visuellen Sprache handelt.

Dass die deutsche Gehörlosengemeinschaft so lange auf eine Anerkennung ihrer sprachlichen und kulturellen Besonderheiten warten musste, ist ein Skandal sondergleichen. Kaum eine andere Minderheit musste sich über Jahrhunderte und gar Jahrtausende hinweg solch einer psychischen, emotionalen, materiellen, institutionellen, medizinischen und ideologischen Repression ausgesetzt sehen, wie die Gemeinschaft der Gehörlosen.

… als Kulturträger

Die sich der Gehörlosengemeinschaft zugehörig fühlenden Gehörlosen sehen sich nicht als Zusammenschluss einer Schicksalsgemeinschaft. Für sie bedeutet die Zugehörigkeit zur Gehörlosengemeinschaft eine Bereicherung, die identitätsbildend für die eigene Persönlichkeit ist. Sie sehen in ihrer gemeinsamen Sprache einen Traditionen vermittelnden Kulturträger, der über die Geschichte der Gehörlosen erzählen und taube Lebenswelten zum Gespräch machen kann.

Sie sind jung, motiviert, wollen sich politisch engagieren, sind gehörlos …
… und überwinden Barrieren
!

Helene Jarmer, Jahrgang 1971, ist gehörlos und rückte nach der Europawahl für die GRÜNEN in den österreichischen Nationalrat nach. Bereits bei ihrer Bewerbungsrede im Herbst 2008, als sie sich um einen aussichtsreichen Listenplatz der GRÜNEN bewarb, verkündete sie: „Die Regierung sagt, es gibt eine Krise. Ein paar Jobs im Parlament könnte man schaffen.“

Wenn Helene Jarmer das sagt, dann tut sie dies mit einem ironischen Unterton. Denn bereits Monate vor ihrem Einzug ins Parlament liefen die Vorbereitungen für ihre Amtszeit auf Hochtouren. Schließlich muss bei jeder Nationalratssitzung, jedem Ausschuss, jeder offizielle Veranstaltung immer einE GebärdensprachdolmetscherIn zur Verfügung stehen. Was so selbstverständlich klingt, ist eigentlich die absolute Ausnahme. Denn die ÖGS (Österreichische Gebärdensprache) ist erst seit 2005 anerkannt und bislang gibt es in Österreich maximal 80 DolmetscherInnen für etwa 10.000 Gehörlose. Dass sich die österreichische Gehörlosengemeinschaft daher viel von Jarmers Parlamentseinzug verspricht, dürfte leicht verständlich sein.

Aber auch anderswo gelang es Gehörlosen, in Parlamente einzuziehen. Ádám Kósa, gehörloser Ungare und Mitglied der konservativen FIDESZ-Partei, schaffte im Zuge der Europawahl den Sprung ins Europäische Parlament und Helga Stevens, die bereits seit 1999 im belgischen Regionalparlament von Flandern aktiv Politik gestaltet, ist auch in diesem Jahr erneut der Einzug gelungen.

Gehörlose in die Parlamente!

Unterschiedliche Sprachen, unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Menschen. All dies bringt nicht nur eine unglaubliche Vielfalt in oftmals statisch gelähmte Parlamente, sondern sorgt auch dafür, dass vielfältige Interessen verschiedener Menschen wahrgenommen und berücksichtigt werden. Aus diesem Grunde stellt der Einzug von Gehörlosen in Parlamente eine enorme Bereicherung dar, die dazu beitragen kann, dass die Gestaltung politischer Prozesse flexibler, kreativer und mit neuem Schwung angegangen werden kann.

Von Sarah Benke

informationen/kontraste_2010-10_gehoerlose_im_parlament.txt · Zuletzt geändert: 2010/09/07 14:55 von hedwig